Veilchen statt Rosen

Will man eine Frau verführen, so versucht man es gelegentlich mit roten Rosen. Hat man aber die heimliche Geliebte zuvor in eine Kuh verwandelt, um diese unbemerkt als Stier zu lieben, wird die Masche mit dem stachelig bewehrten Rosengewächs allerdings unbrauchbar. Das begriff auch Jupiter, als er die schöne Nymphe Io wider ihren Willen in einen vierbeinigen Wiederkäuer verwandelte. Wahrscheinlich zur Besänftigung setzte ihr der liebestolle Gott das Veilchen als zart aromatische Futterpflanze auf die Erde. In der volksmythologischen Vorstellung vermochte die verzauberte Jungfrau nach dem Vorbild von Veilchen und Mond ihre Farbe zu ändern und wurde zum Sinnbild für die zyklische Veränderung der Pflanze, des Erdtrabanten und der Frau. Die Mondkuh war geboren.

Mit Sicherheit hat Jupiter heute die Übersicht über die weltweit rund 500 vorkommenden Veilchenarten verloren, die zum festen Bestandteil praktisch aller Medizintraditionen der Erde mit erstaunlichem Indikationsspektrum vom Ayurveda bis zur Indianermedizin Nordamerikas geworden sind.
Mit welchem der rund dreißig in Österreich vorkommenden Veilchenarten der Gott einst um die Gunst Ios warb bleibt Evolutionsbiologen verborgen. Das im alpinen Kalkmagerrasen der Südalpen vorkommende Zoys-Veilchen (Viola calcarata ssp. zoysii, Abb. 1) wird es sicher nicht gewesen sein, denn als unerfahrene Kuh wird Io dort zu wenig trittsicher gewesen sein. Gegen das Zweiblüten-Veilchen (Viola biflora, Abb. 2) spricht sein bevorzugtes Vorkommen im feucht-schattigen Bergwald abseits vom gefälligen Weiderasen. Möglicherweise fielen aber März-Veilchen (Viola odorata, Abb. 4), Hügel-Veilchen (Viola collina) und Großblütiges Ackerstiefmütterchen (Viola arvensis ssp. megalantha)
wegen ihres betörenden Duftes in die engere Auswahl.

Kühle Milch der Mondkuh
„Es besitzt eine kühlende Kraft“, schreibt schon Pedanius Dioskurides in seiner berühmten Materia medica im 1. Jhd. über das wohlriechende Ion (griech. Veilchen) und nennt Magen, Rachen- und Augenentzündungen als mögliche Anwendungsgebiete. Auch Odo Magdunensis weist den duftenden Veilchen in seinem Macer floridus, dem berühmtesten Kräuterbuch des Mittelalters, eine „kalte und feuchte Tugend im 1. Grad“ zu und hebt es unter Aufzählung nahezu unglaublicher Eigenschaften weit über die „Heilmacht“ von Rose und Lilie.
In praktisch allen wichtigen Werken der europäischen Heilpflanzengeschichte, die sich an der antiken Säftelehre bzw. an der Temperamentenlehre Galens von Pergamon anlehnen, begegnet uns das Veilchen als kalt und feucht wirkende Heilpflanze. „All the violets are cold (…)“, befindet auch der als „Englischer Paracelsus“ bekannt gewordene Arzt Nicholas Culpeper im 17. Jahrhundert, wenngleich der Astrologe die Mondkuh wegen ihres milden Wesens auf die Venus setzt. Wenn nun Sebastian Kneipp am Ende des 19. Jhd. das März-Veilchen auf Grund seiner „kühlen Natur“ gegen „große Hitze im Kopf“ und „zur Heilung von Podagra“ empfiehlt, folgt er lediglich einer seit der Antike bekannten Tradition und berichtet uns wenig Neues.

Was aber verleiht einer Pflanze kalte und zugleich feuchte Kräfte? Aus ayurvedischer Sicht wäre grundsätzlich an eine Kombination aus Bitterstoffen und Schleimstoffen zu denken, also an Amara mucilaginosa wie z.B. der Isländischen Flechte. Tatsächlich gibt es auch bitter schmeckende Veilchen wie z.B. das in der chinesischen Uyghur-Medizin gegen Fieber genutzte Viola tianschanica. In der alten Säftelehre Europas liefern Gerbstoffe und zugleich Schleime führende Pflanzen wie z.B. Quitte, Eberesche oder Ulme ebenfalls kühl-feucht eingestufte Drogen. Nun schmecken die meisten Veilchenarten in der Regel aber weder auffallend bitter, adstringierend oder schleimig. Hat sich die Mondkuh am Ende verlaufen?
Fährtensuche mit den Blackfoot-Indianern
Bei duftenden Veilchen denkt man zunächst an ätherische Öle, aber mit nur 0,01% flüchtig-aromatischen Verbindungen liefert die Gattung Viola nicht gerade typische Ätherisch-Öl-Drogen und in den überwiegend wässrigen Zubereitungen der Erfahrungsheilkunde vermögen sie nur einen bescheidenen Anteil an der Gesamtwirkung beizutragen. Darüber hinaus ist eine Vielzahl ethnobotanisch genutzter Veilchenarten nahezu geruchlos. Von den maximal 0,3% enthaltenen Salicylaten darf man sich Grund rückschlusspharmakologischen Überlegungen aus aktuellen Erkenntnissen zur Weidenrinde ebenfalls keine wirksamkeitsbestimmende, sondern nur eine ergänzende Aktivität erwarten. Verhelfen am Ende also doch die (zumindest im Stiefmütterchenkraut) bis zu 10% enthaltenden Schleimstoffe mit einhüllend-beruhigenden Eigenschaften zur gesuchten kühl-feuchten Veilchentugend? Tatsächlich kann man pflanzlichen Vielfachzuckern heute eine Fülle zum Teil sehr spezieller Wirkungen zuweisen, aber weder der Schwerpunkt ethnobotanischer Anwendungen noch die moderne Forschung sprechen für diese sonst naheliegende Annahme. Welcher Stoff bestimmt aber dann die kühlende Milch der Mondkuh?

In keiner Heilpflanzentradition der Erde wird die Gattung Viola so differenziert, vielschichtig und in vergleichbarer Artenzahl wie in der nordamerikanischen Indianermedizin genutzt. Auf der Suche nach Übereinstimmungen in der Verwendung von mindestens 13 Veilchenarten von zum Teil geographisch isolierten Indianervölkern erkennen wir die erforderlichen „Melodie“ der Veilchensprache und zugehörige, zu Resonanz fähigen Prozesse im menschlichen Körper. Auf den ersten Blick erscheinen die Indikationsgebiete noch zusammenhangslos und wenig plausibel. So werden beispielsweise die Blätter des in Nordamerika weit verbreiteten „Sandveilchens“ (Viola adunca) von den Blackfoot-Indianern als Topikum bei rheumatischen Gelenksschwellungen oder innerlich gegen asthamtische Beschwerden genutzt, während die Tolowa einen Breiumschlag bei Augenentzündungen verwenden. Die Cherokee nutzen wiederum die zerstoßene Wurzel von vier weiteren Veilchenarten gegen Hautgeschwüre und ihre oberirdischen Pflanzenteile für Kataplasmen bei Kopfschmerzen. Teezubereitungen aus „Zweifarbenveilchen“ (V. bicolor) und „Vogelfußveilchen“ (V. pedata) werden bei Atemwegsinfekten intranasal appliziert, bei mehr Hustensymptomatik aber mit Zucker getrunken. Trotz erstaunlich vielseitiger Verwendung von rund 10 Indianerethnien liegt der Schwerpunkt eindeutig in der Behandlung von Hauterkrankungen, Schmerzzuständen (Kopfschmerzen,
rheumatische Beschwerden) und Atemwegsinfekten (siehe Graphik 1).

Schlaflied für ein übereifriges Immunsystem
Einen gemeinsamen Nenner der drei ethnopharmakologischen Zielgebiete finden wir in der mittlerweile auch experimentell nachgewiesenen Beeinflussung immunologischer Schlüsselprozesse. Für die Therapie chronisch-entzündlicher Erkrankungen mit „überschießenden“ Immunreaktionen ist die hemmende Wirkung auf bestimmte Lymphozyten unseres spezifischen Immunsystems von besonderer Bedeutung. „Veilchentöne“ wirken offenbar einschläfernd auf sog. regulatorische T-Zellen und wahrscheinlich auch auf T-Helferzellen vom Typ 1 und unterdrücken dadurch die übermäßige Ausschüttung entzündungsfördernder Botenstoffe (IL-2, TNF-a, IFN-g). Daraus lassen sich antiallergische, antiasthmatische, analgetische, juckreizlindernde und antiinflammatorische Eigenschaften ableiten und begründen gemeinsam das „feucht-kühlende“ Prinzip der einstigen Humoralpathologie. Die z.B. in vielen Kulturkreisen der Erde parallel tradierte Verwendung von Veilchenzucker und Veilchensirup bei chronischem Husten wird damit plausibel und konnte in einer aktuellen klinischen Studie mit 180 asthmatischen Kindern seine Wirksamkeit in der Begleittherapie bestätigen. Neben einer antiallergischen Wirkung könnte auch ein (experimentell nachgewiesener) gefäßerweiternder Effekt zur Entkrampfung der Bronchialmuskulatur beitragen.
„Wenn zur beginnenden Frühlingszeit die Kinder starken Husten oder Keuchhusten bekommen, koche die besorgte Mutter eine Handvoll Veilchenblätter (…) und gebe dem Kind je 2 bis 3 Stunden jedes mal 2 bis 3 Löffel solchen Tees. (…) Erwachsene heilen den alten Keuchhusten, wenn sie 3 x tgl. 1 Tasse nehmen.“
[Sebastian Kneipp, 1886]
Im Falle von Zellentartung können aus den sonst besänftigenden Veilchenklängen auch Alarmtöne werden und leiten durch Veränderung der Biomembran den programmierten Zelltod (Apoptose) für eine ganze Reihe von Krebszelllinien ein. Hier erkennen wir die Ambivalenz der Veilchensprache und die Wandlungsfähigkeit der Mondkuh.

Veilchen jonglieren Ringen
Lange Zeit blieben die wirksamkeitsbestimmenden „Veilchentöne“ für die Forschung verborgen, denn die zu Grunde liegenden ringförmigen „Mini-Eiweiße“, allgemein als Cyclotide bezeichnet, wurden wegen ihrer Oberflächenaktivität fälschlicherweise für Seifenstoffe gehalten. Heute wird die Zahl der veilchentypischen Cycloviolacine auf über 9.000 geschätzt. Im Unterschied zu Saponinen, deren Resorption auf Grund von Komplexbildung mit Gallensäuren und mikrobieller Modifikation durch unsere Darmflora sehr gering ist, sind die zyklischen, aus rund 30 Aminosäuren bestehenden Verbindungen gegen Eiweißverdauung erstaunlich stabil und oral gut bioverfügbar.
Bei den Cyclotiden handelt es sich um eine evolutiv betrachtet sehr alte „Pflanzensprache“ zur Abwehr von Mikroorganismen und Insekten mit wenig spezifischem, dafür aber sehr breitem Wirkungsspektrum. Ihre zum Teil sehr spezielle Wirkung auf unser Immunsystem und ihre Interaktion mit spezifischen Rezeptoren unseres Körpers (z.B. Oxytocin-Rezeptor, Kalzium-Kanäle der Gefäßwände) ist daher umso erstaunlicher. In besonders hoher „Lautstärke“ findet man Cyclotide auch in Rötegewächsen, Kürbisgewächsen und Nachtschattengewächsen, aber im Unterschied zu den Veilchengewächsen besitzen diese Pflanzenfamilien oft problematischen „Begleittöne“ wie Alkaloide oder Cucurbitacine.

Selten saure Milch
Man darf sich durch Gestalt und volksmythologischem Image einer Heilpflanze nicht täuschen lassen und auch unsere sanft anmutende Mondkuh gibt in seltenen Fällen saure Milch. Für eine Vielzahl von Viola-Arten sind emetische und laxierende Eigenschaften bekannt, die in der Ethnomedizin auch sinnvoll eingesetzt werden. So nutzen beispielsweise die Navajo-Indianer Viola nephrophylla zum therapeutischen Erbrechen und in Indien wird das auch bei uns heimische Zweiblüten-Veilchen und das „Grauveilchen“ (Viola cinerea) als Ersatzdroge für die Brechnuss genutzt.
Durch den Gehalt an Salicylaten ist rein theoretisch auch an eine Salicylsäureüberempfindlichkeit zu denken, die aber lediglich rund 0,2% der europäischen Bevölkerung betrifft. Ein möglicher Einfluss auf die Blutgerinnung ist in Anlehnung an die Wirkung von Weidenrinde allerdings klinisch bedeutungslos. In die toxikologische Literatur ist aber die wahrscheinlich durch Cyclotide ausgelöste Hämolyse bei einem neun Monate alten Säugling mit Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenasemangel eingegangen, dem man eine halbe Tasse Stiefmütterchentee verabreicht hatte. Auch wenn bisher nur ein dokumentierter Fall existiert, sollte man von der inneren Anwendung von Veilchen-Zubereitungen bei Säuglingen absehen und sich auf die topische Verwendung beschränken. Die Empfehlung der europäischen Arzneimittelagentur, die äußere bzw. innere Anwendung von Stiefmütterchenzubereitungen erst ab dem 12. bzw. 18. Lebensjahr zu beginnen, darf hingegen als vollkommen überzogen eingestuft werden, wenn man die möglichen Nebenwirkungen von Antimykotika und Glukokortikoiden in der Behandlung von Hautbeschwerden vergleicht.

Für Hebammen ebenfalls gut zu wissen ist die mögliche uterustonisierende und kontraktionsfördernde Wirkung von Cyclotiden, die in der akfrikanischen und nordamerikanischen Ethnomedizin genutzt wird. Auch hier begegnet uns die Ambivalenz der „Veilchensprache“, wenn z.B. die Makah-Indianer das „Sandveilchen“ zur Geburtshilfe einsetzen, während die Blackfoot dieselbe Art als Bronchospasmolytikum bei asthmatischen Kindern nutzen.
Frische Milch für die Phytopraxis?
Aktuell wird das immunmodulierende Potential der Gattung Viola in der westlichen Phytotherapie im wahrsten Sinne des Wortes stiefmütterlich behandelt. Gerade einmal zwei Arten, das Wild- und Ackerstiefmütterchen, wurden von der europäischen Arzneimittelagentur lediglich zur traditionellen Behandlung milder seborrhöischer Hautbeschwerden akzeptiert, während die ältere ESCOP-Monographie zumindest noch Akne, Impetigo und Ekzeme anführt. Die restlichen rund 40 Veilchenarten des Alpenraumes sind der modernen Heilpflanzenkunde unbekannt und nicht einmal das altgediente März-Veilchen besitzt eine positive Monographie.

Für die Wirksamkeit von Veilchensirup bei asthmatischen Atemwegsbeschwerden von Kindern liegt neben ethnopharmakologischer Evidenz erstmals auch eine klinische Studie vor. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass in Europa seit dem 16. Jhd. „Veilchenzucker“ vornehmlich bei Kinderhusten empfohlen wurde und auch die persische und nordamerikanische Heilpflanzentradition unabhängig davon zur selben Erkenntnis gelangte. Innerhalb der komplexen immunologischen Geschehnisse bei allen Formen von Asthma dürften bei Kindern auch frühe Infektionen mit RS-Viren für die Ätiologie eine gewichtige Bedeutung spielen, wie man aus epidemiologischen Daten herausgefunden hat. Für Veilchenpeptide konnte nicht nur eine immunsuppressive, sondern auch eine antivirale Aktivität (z.B. gegen Influenza A H1N1) nachgewiesen werden und könnte die ethnopharmakologische Erfahrung erklären. In Hinblick auf den sehr bescheidenen Beitrag der westlichen Phytotherapie für asthmatische Beschwerden im Vergleich zu anderen Medizintraditionen der Erde sollte sie die Mondkuh vielleicht wieder streicheln lernen.
Auch sollte uns die auffallend häufige und ebenfalls unabhängig voneinander tradierte Verwendung von Veilchenarten bei Kopfschmerzen erstaunen, weshalb ich mir einen Rezepturvorschlag für Therapeuten erlaube:
Vorschlag zur pflanzlichen Begleittherapie bei (Spannungs-)Kopfschmerzen (Vogt Dietmar):
Stiefmütterchenkraut1-Urtinktur (Violae tricoloris herb. rec. tinct.) 25 Teile
Mutterkraut-Urtinktur (Tanaceti herb. rec. tinct.) 10 Teile
Ingwerrhizom-Tinktur (Zingiberis rhiz. tinct.) 25 Teile
Weidenrinden2-Tinktur (Salicis cort. tinc.) 40 Teile
Anmerkung: 1= V. arvensis agg. inkl. V. tricolor, 2= S. euxina, S. purpurea, S. daphnoides in Winterernte. Auf Angabe von Dosierung und etwaige Kontraindikationen wurde bewusst verzichtet, da die individuelle Anpassung in der guten Phytopraxis unumgänglich ist!
Viel Erfolg beim Melken der Mondkuh wünscht Euer Phytagoras!